Briefe aus der Ferne - Letters from Abroad  Großansicht schließen | close details
 

Isolde Merker
Titel:
Eigensinnige Eiche -
Gruß aus unserem Wald

2007
Handschrift
Tinte, Aquarell, Farbstifte auf Bütten
54 x 79 cm

Knorrige, zackige Eiche

Mittwoch, den 18.April 1827

Mit Goethe vor Tisch spazierengefahren eine Strecke die Straße nach Erfurth hinaus...»Ich muss über die Ästethiker lachen« sagte Goethe, »welche sich abquälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür wir den Ausdruck schön gebrauchen, durch einige abstrakte Worte in einen Begriff zu bringen...

So ist die Eiche ein Baum, der sehr schön sein kann; doch wie viele günstige Umstände müssen zusammentreffen, ehe es der Natur einmal gelingt, ihn wahrhaft schön hervorzubringen. Wächst die Eiche im Dickicht des Waldes heran, von bedeutenden Nachbarstämmen umgeben, so wird ihre Tendenz immer nach oben gehen, immer nach freier Luft und Licht. Nach den Seiten hin wird sie nur wenige schwache Äste treiben, und auch diese werden im Laufe des Jahrhunderts wieder verkümmern und abfallen. Hat sie aber endlich erreicht, sich mit ihrem Gipfel oben im Freien zu fühlen, so wird sie sich beruhigen und nun anfangen, sich nach den Seiten hin auszubreiten und eine neue Krone zu bilden. Allein ist sie auf dieser Stufe bereits über ihr mittleres Alter hinaus, ihr vieljähriger Trieb nach oben hat ihre Kräfte hingenommen, und ihr Bestreben, sich jetzt noch nach der Breite hin mächtig zu erweisen, wird nicht mehr rechten Erfolg haben. Hoch, stark und schlankstämmig wird sie nach vollendetem Wuchse dastehen, doch ohne ein solches Verhältnis zwischen Stamm und Krone, um in der Tat schön zu sein.

Wächst hinweder die Eiche an feuchten, sumpfigen Orten und ist der Boden zu nahrhaft, so wird sie, bei gehörigem Raum, frühzeitig viele Äste und Zweige nach allen Seiten treiben; es werden jedoch die widerstrebenden retardierenden Einwirkungen fehlen, das Knorrige, Eigensinnige, Zackige wird sich nicht entwickeln, und, aus einiger Ferne gesehen, wird der Baum ein schwaches Lindenartiges Ansehen gewinnen, und er wird nicht schön sein, wenigstens nicht als Eiche.

Wächst sie endlich an bergigen Abhängen, aus dürftigem steinichtem Erdreich, so wird sie zwar im übermaß zackig und knorrig erscheinen; allein es wird ihr an freier Entwickelung fehlen, sie wird in ihrem Wuchs frühzeitig kümmern und stocken, und sie wird nie erreichen, daß man von ihr sage: Es walte in ihr etwas,das fähig sei, uns in Erstaunen zu setzen.«

Johann Peter Eckermann, Gespräch mit Goethe

 

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